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Aus der Nachbarschaft

 

In Zeiten der Corona-Krise ist Kreativität gefragt, um den Alltag abwechslungsreich zu strukturieren.

In diesem Gespräch wollen wir einmal genauer wissen, worüber sich unsere Nachbar*innen in ihrem Alltag zur Zeit Gedanken machen und wie sie sich beschäftigen.

Hier mit Elvira Müllers.

 

 

Wenn Du erst einmal etwas über Deine Person erzählen möchtest, liebe Elvira:

Mein Name ist Elvira. Ich bin Spandauerin, von Beruf Erzieherin, arbeite freiberuflich als Yogalehrerin und Reiseleiterin, derzeit leider sehr eingeschränkt. Ich bin eher ein aktiver Mensch, brauche aber auch gelegentlich Zeiten des Alleinseins zum Nachdenken, zum Meditieren, für Kreativität, zum Schreiben, zum Texten und anderem, aber auch um einmal nur Zeit zu haben, den Tag einfach nur kommen zu lassen.

Das Kulturzentrum habe ich aufgrund eines lateinamerikanischen Konzertes von Eduardo Villegas vor circa vier Jahren kennengelernt. Mich begeisterten die Ausstrahlung, Beweglichkeit und Lebensfreude des Musikers. Seit ich erfuhr, dass Eduardo auch einen Salsa-Kurs im Haus anbietet, bin ich eine regelmäßige Teilnehmerin. Mir geht es nicht darum, perfekt tanzen zu lernen, sondern einfach Spaß und Freude zu haben, einmal aus dem Alltag aussteigen zu können, ins Schwitzen zu kommen, aber auch darum, die Leichtigkeit des Lebens zu spüren, um das Kaffeetrinken in der Pause, die Gespräche, einfach um das „Dazugehören“.

Ich schätze das Engagement von Nina und Detlev für das Haus und dessen Besucher*innen. Jede*r ist hier immer sehr herzlich willkommen … und so nahm ich auch immer wieder gerne an unterschiedlichen kulturellen Veranstaltungen teil ….

 

 

Wir kennen uns aus dem Kulturzentrum vom Salsa-Kurs. Wie beschäftigst Du Dich jetzt und wie strukturierst Du Deinen Alltag in der Zeit von "Corona"?

Die Frage ist für mich hier falsch gestellt, denn es geht nicht nur um körperliche Fitness, sondern um eine ganzheitliche, auch die geistige, seelische Gesundheit. Es ist mir daher nicht möglich, beides voneinander zu trennen. Aufgrund der Einschränkungen sehe ich diese auch bei mir selbst gefährdet. Ich bemühe mich daher, immer wieder meine eigene Mitte nicht zu verlieren.

Ich brauche immer wieder die Natur zum Auftanken. Natürlich unternehme ich längere Spaziergänge oder Wanderungen, nehme an einem Zoom-Yoga-Kurs teil und zusätzlich an einem Meditationskurs ebenfalls über Zoom. Das Internet stellt für mich aber auf Dauer keine Alternative zu einem persönlichen Unterricht dar. Ich übe mich im „Fernsehfasten“, da mir die vielen negativen Nachrichten und Diskussionen einfach nicht guttun, sie belasten mich. Ich nehme bewusst Abstand. Dann lese ich lieber ein Buch oder befasse mich mit Sinnfragen.

Meinen Alltag strukturiere ich nicht besonders. Viel Planung für Aktivitäten oder Freude, wie zum Beispiel auf eine Reise oder Veranstaltung, sind derzeit nicht möglich. Wie gehe ich damit um? Gefühle sind der Motor für unsere Handlungen. Freude erweckt die Lebensfreude, das Positive im Menschen. Wir brauchen alle eine Art von Motor, Anregung oder Motivation für unser Handeln durch andere Menschen, durch die Gemeinschaft für unser persönliches „Wohlfühlen“.

Ich möchte hier nichts „Schönreden“. Ich tue, wovon ich persönlich überzeugt bin. Es bezieht sich im ganz besonderen auf die Teilnehmer*innen meiner eigenen Yogagruppe. Viele von ihnen unterrichte ich bereits seit mehreren Jahren. Innerhalb der Gruppe hat sich das Zusammengehörigkeitsgefühl verstärkt und auch ein achtsamer Umgang im Miteinander entwickelt. Die Basis dafür ist das Vertrauen. Es macht mich sehr glücklich. So war und ist es mir immer sehr wichtig, den Austausch und das Gemeinschaftliche weiter zu stärken. Gerade in einer Zeit, die von Angst und Ängsten mit Folgen wie Depressionen, Familienzerwürfnissen, etc., geprägt ist. Daher biete ich selber nun bereits seit einem Jahr Hatha-Yoga über Zoom an. Es eignet sich nicht für alle. 

Ich bemühe mich, dieses Angebot immer wieder neu zu gestalten mit kleinen Lesungen, Texten, Fragestellungen sowie Anregungen für die eigene Praxis, aber auch die Gruppe irgendwie durch Telefonate und E-Mails zusammenzuhalten. Dieses wird alles dankbar angenommen und mittlerweile bringen die Teilnehmer*innen eigene Ideen mit hinein.

Die Weisheitstexte des Yoga und des Buddhismus sagen: „Wir leiden, weil wir denken“. Es ist einer der Gründe, weswegen ich mich persönlich bemühe, mich verstärkt auf das Positive im Leben auszurichten. Es geht im Rahmen von Gesundheit auch darum, immer wieder die eigenen Gefühle oder Befindlichkeiten bewusst wahrzunehmen.

Ich fühle mich mit Maske eingeschränkt in meiner Wahrnehmung. Ich höre schwer, ich leide darunter, dass sich die Menschen kaum noch in die Augen sehen und die Leute auf der Straße einen Bogen um mich herum machen. Ich fahre nun seit einem Jahr nicht mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Ich gehe nach Möglichkeit nur alle drei Wochen einkaufen. Ich bemühe mich, meine psychische Gesundheit aufrechtzuerhalten, ich nehme einmal wöchentlich an einer Gehmeditation teil. Ich habe meine eigene Yoga- und Meditationspraxis verstärkt.

 

 

Wie pflegst Du Kontakte (z.B. auch zu anderen Kursteilnehmer*innen)?

Leider hat sich die Salsa-Gruppe fast aufgelöst. Kontakte zu Eduardo, dem Kursleiter, sowie den anderen Teilnehmer*innen gibt es bis auf eine Ausnahme nicht.

Ich habe die amtliche Betreuung für meine Mutter. Sie lebt im Evangelischen Johannesstift in einer Wohngruppe, sie ist nicht dement. Für ihre Besuche benötige ich einen erhöhten Zeitaufwand unter anderem aufgrund von rechtzeitigen Voranmeldungen und Testterminen. Diese sind nicht immer zeitnah zu bekommen. Es belastet mich, auch zu sehen, wie die zu betreuenden alten und kranken Menschen als eine Art Ware behandelt werden. Es fehlt mir derzeit an Energie, ständig mich aufgrund irgendwelcher Missstände zu beschweren. Es zieht mich herunter, zu sehen, wie die Menschen weit auseinandergesetzt und vereinzelt in der Wohngruppe auf ihren Stühlen „hängen“. Angebote finden kaum noch statt. Es belastet mich. Nach einem Besuch brauche ich immer wieder eine gewisse Zeit, um mich selbst von den negativen Eindrücken zu regenerieren.

 

 

Gibt es etwas, was Du in dieser Zeit neu entdeckt hast?

Nun, da ich in diesem Jahr mein erstes Buch veröffentlichen möchte, eine Art Krimi in Anlehnung an meine eigene Biographie, war es mir möglich, eine alte Freundin für ihre eigene Biographiearbeit zu begeistern. Wir tauschen uns darüber aus. Unsere Treffen finden daher auf einer anderen Ebene statt, was mich sehr erfreut und persönlich bereichert.

Was habe ich entdeckt?

Nicht neu entdeckt, aber verstärkt hat sich meine Erkenntnis, dass Offenheit im Miteinander bereichernd für alle Beteiligten ist, aber auch die gegenseitige Akzeptanz und das Vertrauen die Basis für unsere Lebensfreude sind. Mich zieht es verstärkt hinaus in die Natur, wo ich Ruhe und Frieden finden kann.

 

 

Auf was freust Du Dich in der Zeit "nach Corona"?

Ich bin überzeugt, dass „Corona“ nicht einfach verschwinden wird. Alles ist vergänglich, auch unser „altes Leben“. Daher geht es für mich persönlich darum, eine neue Perspektive für mein Leben zu entwickeln, zu schauen, was ist mir wichtig und mit welchen Mitteln und auf welchem Weg ich etwas erreichen kann, mit dem ich zufrieden sein kann. Gemeinschaft und Verbundenheit sind ein natürliches Bedürfnis des Menschen. Wo finde ich das? Es gibt in Spandau ein Buddhistisches Zentrum, das Miao-Fa Zentrum. Es plant sich zu erweitern, ein größeres Meditations- und Retreat-Zentrum im Umland zu eröffnen. Vielleicht eine Perspektive für mich?

 

Liebe Elvira, ein ganz besonderer Dank für Deine Gedanken, Fragen und Anregungen, die wir aus Deinem Interview mit auf unseren Weg mitnehmen dürfen.

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